Kunststücke No. 4
- lh0588
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E I N B L I C K A U F D E N M E N S C H E N . . . Ein Blick auf Figuren, die uns fremd erscheinen und doch seltsam vertraut wirken. Silhouetten, die sich in einer Umgebung bewegen, ohne ganz Teil von ihr zu sein. Und doch untrennbar mit ihr verbunden. |
Es fällt nicht schwer, über die Arbeiten des Künstlers Gérard Walther zu philosophieren. Erst vor zwei Wochen hatten wir die Jungen Freunde der Hamburger Kunsthalle zu Gast und ließen es uns wieder einmal demonstrieren. Tags darauf fiel der Startschuss für seine aktuelle Einzelausstellung. Ob jung oder alt, kunstversiert oder einfach interessiert – die Figuren Walthers sprechen zu uns.
Schwieriger ist es hingegen, sich seinem großen Œuvre der letzten sechs Jahrzehnte zu widmen und ein, ja wirklich nur ein Werk aus diesem Kosmos der Kunststücke herauszugreifen.
So bitte ich Sie näherzutreten, sich von der anfänglichen Betrachtung unserer Petersburger Hängung zu lösen und sich auf eine – zugegebenermaßen eher kleine – Arbeit aus seinem Wunderkabinett zu konzentrieren.
Denn dieses Werk ist in vielerlei Hinsicht typisch für Gérard Walther. Und zugleich überraschend eigenständig.
Schon der Bildträger macht stutzig. Ein Spiralblock bildet den Malgrund. Ein Objekt des Alltags – gedacht für Skizzen, Notizen, flüchtige Gedanken. Walther belässt es nicht dabei, den Außenkarton zu bemalen. Die Spiralbindung wird selbst Teil der Komposition. Sie zieht sich wie eine horizontale Linie durch das Werk und teilt die Bildfläche in zwei Ebenen. Oder verbindet sie.
Verschiedene Lesarten sind denkbar. Man könnte die obere Zone als eine Art überirdische Sphäre verstehen – als Raum der Idee oder der archetypischen Form des Menschen. Urbilder. Unten hingegen stehen sie im Bereich des Irdischen. Nicht ganz perfekt, im Werden begriffen. Der grüne Hintergrund wirkt beinahe wie eine Landschaft. Wie Erde, aus der diese Körper hervorgegangen sein könnten.
Doch ebenso ließe sich das Werk ganz unmittelbar betrachten. Zwei Menschen stehen nebeneinander. Vielleicht ein Paar. Vielleicht einfach zwei Figuren, die sich im selben Raum befinden. So wie Menschen es seit Anbeginn der Zeit tun. Archaisch. Unweigerlich werde ich gedanklich zum Ursprung des Menschenpaares geführt. Adam und Eva. Jedoch ohne Paradies, ohne Schlange, ohne moralisches Narrativ. Nur zwei Körper, die existieren.
Interessant ist auch die malerische Umkehrung zwischen den beiden Ebenen: Oben erscheinen die Figuren als schwarze Körper auf hellem Grund, unten als weiße Konturen vor dunkler Fläche. Diese Gegenüberstellung könnte leicht zu Deutungen über Hautfarbe oder Identität verleiten. Doch bei Walther geht es nie um solche Zuschreibungen. Seine Figuren sind bewusst entindividualisiert. Sie besitzen keine Gesichter, keine Attribute, keine biografischen Hinweise, kein Geschlecht oder Alter.
Die Figuren stehen für etwas Allgemeingültiges.
Für den Menschen als solchen.
Gerade in dieser Reduktion berührt Walthers Bildsprache eine existenzialistische Dimension. Man denkt unweigerlich an die Gestalten Alberto Giacomettis – rau, fragil, reduziert. Figuren, die nach den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts weniger Personen darstellen als Zustände menschlicher Existenz.
Steckt all das im Deckel eines Spiralblocks? Vielleicht.
Die Arbeit gibt keine eindeutige Antwort. Sie öffnet einen Raum, in dem wir über den Menschen nachdenken können. Und das – so könnte man sagen – gelingt Gérard Walther seit nunmehr sechs Jahrzehnten mit erstaunlicher Konsequenz.
Wagen Sie einen Blick in die Galerie und begeben sich auf die Suche nach Ihrem besonderen Kunststück. Ich helfe Ihnen gerne.
Ihre
Laura Harlaß
GÉRARD WALTHER









